Lingscape goes Georgien. Sprachunterricht und Sprachenvielfalt in Kutaissi

Vor einigen Monaten hat eine Gruppe von Deutschlerner.innen unter der Leitung von DAAD-Lektorin Dana Schluchtmann ein kleines Projekt zur Sprachenvielfalt in Georgien unternommen. Ausgerüstet mit Lingscape waren die Teilnehmer.innen dazu aufgefordert, die Vielfalt der Sprachen in einigen Straßen von Kutaissi zu dokumentieren und auszuwerten. Aus dem Projekt sind eine Präsentation der Ergebnisse sowie einige kurze Blog-Einträge hervorgegangen, die wir gern mit den übrigen Lingscaper.innen da draußen teilen wollen. Vorhang auf also für Lingscape goes Georgien.

Slide: Projekt “Spravieltraka”

Konstantine Zautashvili schreibt über den Ablauf des Projektes:

In diesem Jahr vom 22. Mai bis 05. Juni hat in Kutaissi ein empirisches Forschungsprojekt “Linguistic landscapes: Sprachlandschaft in Kutaissi” stattgefunden. Daran haben Germanisten und auch andere Studenten, die Deutsch können, teilgenommen. Das Projekt war vom DAAD organisiert.

Die Studierenden sollten die Straßen von Kutaissi erforschen. Also, wie sieht die Situation für die Sprachlandschaft in dieser Stadt aus. Wir haben die bekanntesten Straßen besucht und auf jeder Straße zumindest 50 Schilder fotografiert. Damit haben wir ungefähr erkannt, welche Sprachen und Materialen in Kutaissi am meisten benutzt werden. Wir waren in Gruppen eingeteilt und jede Gruppe musste eine Straße besuchen. Insgesamt haben wir mehr als 250 Fotos von Schildern gesammelt. Es war wirklich heiß, aber es lohnte sich, weil über von einem solchen Projekt haben die Leute in Kutaissi noch nie gehört, das war also zum ersten Mal.

Der Prozess der Forschung war super lustig. Wir haben einander sehr geholfen. 90% der Menschen fragten nach unserer Herkunft, deshalb fühlten wir uns wie die Touristen in unserer eigenen Stadt. Also, mit unserer Aufgabe haben wir wirklich Spaß gehabt. Es dauerte nicht mehr als 2 Stunden.

Aber das war nicht nur lustig, sondern dieses Projekt hat uns viele neue Wörter gelehrt. Während der Forschung haben wir viele Wörter nachgeschlagen, um die Rolle dieser Organisationen, Ämtern oder der Gebäude auf Deutsch zu übersetzen. Damit haben wir an neuen Wörtern geübt. Auch während der Seminare haben wir viele neue Termini kennengelernt.

Konstantine Zautashvili

Klingt ganz so, als hätten die Teilnehmer.innen Spaß gehabt an der Feldforschung mit Lingscape. Werfen wir deshalb zunächst einen Blick auf ein paar Eckdaten zum Projekt, besonders zur Zusammensetzung der Gruppe und den Forschungsfragen, die hinter dem Projekt standen:

Slide: Projekt “Spravieltraka”
Slide: Projekt “Spravieltraka”

Die gesammelten Bilder lassen sich auf unserer interaktiven Webkarte finden (und live analysieren). Und nun hören wir nochmal in die praktischen Erfahrungen der Teilnehmer.innen herein, in diesem Fall Elene Veliashvili:

Ich interessierte mich immer dafür, was die Touristen erleben, wenn sie in meiner Stadt sind, was sie besichtigen, was sie bei den einfachen Leuten nachfragen. Das alles ist ganz wichtig, aber eine Hauptaufgabe für Touristen ist suchen. Suchen nach verschiedenen Gebäuden oder Ämtern. Um diese Aufgabe zu schaffen, muss man immer Fragen stellen, aber es gibt auch eine andere Möglichkeit dazu und die heißt SCHILDER!
Die Schilder helfen nicht nur den Touristen, sondern auch den Einwohnern der Stadt. Aber was das Wichtigste ist: Man muss sehen, wie gut sind die Informationen? Kann jeder Mensch diese Schildern lesen und verstehen? Natürlich nicht. Es hängt davon ab, in welcher Sprache diese Informationen sind. Und wie denken die Menschen, die ihre eigenen Schilder entwerfen: “Ist das okay auf dem Schild nur auf Georgisch zu schreiben? Oder auf Englisch? Oder beides?” Mit solchen Gedanken der einfachen Leute, konnten wir ganz gut bestimmen, was für eine Sprachlandschaft es hier in Kutaissi und zwar speziell auf der Tsminda Nino Straße gibt.

Foto: Konstantine Zautashvili

Und weiter:

Es ist 11.00. Mein Forschungspartner und ich sind schon in der Stadt. Die Straße haben wir leicht gefunden und mit unserer kleinen Forschung begonnen. Die Leute, die uns zuschauen, fragen uns: Was macht ihr da? Seid ihr Touristen? Ist alles okay? Warum fotografierst du denn mein Schild? Ich lächle immer sehr höflich und antworte ihnen, was wir wollen. Mein Forschungspartner fotografiert und lädt die Fotos in der App “Lingscape” hoch, ich mache die Notizen in meinem Heft für die Dokumentation und antworte den neugierigen Menschen. Das alles war wirklich spannend und interessant. In der Situation auf dem Foto will ich natürlich nicht Zigaretten kaufen, sondern versuche die Hausnummer des Gebäudes zu erfragen. Insgesamt haben wir 52 Schilder fotografiert und dabei festgehalten, was für eine Art Schild dies war (amtlich oder privat), aus welchem Material und für welchen Bereich es gedacht war.
Es ist 13.00. Wir sind immer noch in der Stadt. Ein bisschen müde, aber auch sehr entspannt. Die kleine Forschungsarbeit hat uns wirklich Spaß gemacht. Auch jetzt fragen wir nach, aber nicht nach Schildern, sondern nach dem Eispreis.
Elene Veliashvili

Praktisches Sprachtraining mit Hilfe von Lingscape ist also nicht nur unterhaltsam, was uns natürlich sehr freut, sondern bringt einen mit anderen Menschen ins Gespräch.

Aber wie es denn nun um die Sprachenvielfalt in Kutaissi bestellt? Schauen wir uns mal ein paar der Ergebnisse aus dem Projekt an, zum Beispiel die Sprachverteilung im Sample:

Slide: Projekt “Spravieltraka”
Foto: Lingscape, Projekt “Spravieltraka”, ID 6990

Wie wir sehen können, ist die Sprachlandschaft (der Teilnehmer.innen) geprägt durch das Nebeneinander von georgischen und englischen Schildern. Die gesammelten Schilder stammen dabei aus vielen verschiedenen Kommunikationsdomänen, darunter zum Beispiel Kultur, Medizin, Gastronomie, Tourismus, Verkehr oderDienstleistung. Hierzu schreibt Ana Guruliova:

Wir haben am Projekt “Sprachenvielfalt im Transkaukasus” teilgenommen. Unsere Aufgabe war, dass wir in der Stadt Kutaissi Plakate mit Hilfe der Applikation “Lingscape” fotografieren und hochladen sollten. Danach haben wir eine Forschung gemacht und diese Plakate in verschiedene Gruppen (Gastronomie, Hotels, Verkehrsmittel,…) und in verschiedene Sprachgruppen (einsprachig, zweisprachig, war dieses Plakat nur auf Georgisch oder auf anderen Sprachen geschrieben usw.) klassifiziert. Insgesamt hat meine Gruppe 60 Plakate fotografiert, das hat ca.2 Stunden gebraucht. Dieses Projekt war für uns neue Erfahrung und wir haben viel Spaß gehabt.

Ana Guruliova

Die Auswertung der gesammelten Fotos fördert dabei noch weitere interessante Aspekte zutage. So zum Beispiel in Bezug auf die Materialien, aus denen die Schilder bestehen:

Slide: Projekt “Spravieltraka”

Oder in Bezug auf die Frage, ob auf einem Schild “von oben” (top-down), also von offizieller Seite, oder “von unten” (bottom-up) kommuniziert wird, hier aufgeschlüsselt nach den verschiedenen untersuchten Straßen:

Slide: Projekt “Spravieltraka”

Insgesamt liefert das Projekt zunächst den Beweis für die Sprachenvielfalt, die in Kutaissi herrscht, auch wenn die eingangs aufgestellte Hypothese, dass Mehrsprachigkeit vor allem in touristischen Bereichen vorkommt, nicht bestätigt werden konnte. Man kann also mit Hilfe der App auch noch über die eigene Stadt einiges lernen.

Zudem verdeutlichen die Ergebnisse des Projekts, dass sich das Bild einer sprachlichen Landschaft nicht nur darüber bestimmt, welche Schilder in dieser Landschaft vorkommen, sondern auch wesentlich durch die Auswahl und Interessen derer geprägt wird, die diese Landschaft dokumentieren sollen. Je nachdem, welche Schilder besonders auffällig sind oder für jemanden besonders interessant sind, ergeben sind unterschiedliche Eindrücke der sprachlichen Landschaft. Das zeigt sich schön, wenn man die Kartenansicht nach den Beiträgen der verschiedenen Gruppen filtert.

Vor allem aber zeigt das Projekt auch, dass Citizen Science-Ansätze wie Lingscape erfolgreich in der Sprachvermittlung eingesetzt werden können und die Student.innen mit sprachlicher Vielfalt genau dort in Kontakt bringen, wo sie passiert, nämlich draußen in der Welt. Dazu schreibt Shorena Khantadze:

Das Projekt war wirklich sehr interessant, Ich habe viele interessante Schilder entdeckt, die ich vorher niemals bemerkt habe. Besonders lustig war mit meinen Freunden zusammen im Team zu arbeiten. Außerdem habe ich viele gute Freunde kennen gelernt, mit den ich wirklich eine Menge Spaß hatte. Für alles danke ich vielmals.

Shorena Khantadze

Diesen Dank können wir aus dem Team Lingscape nur erfreut zurückgeben. Ein tolles Projekt, durchgeführt von begeisterten Citizen Scientists!

Foto: Lingscape, Projekt “Spravieltraka”, ID 6855

Zusammengestellt von Christoph Purschke

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